Interview
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Dirk Dobiéy & Adina Asbeck

Aus sich selbst heraus handeln

Interview mit dem Künstler Sebastian Heiner

Der gebürtige Berliner Sebastian Heiner studierte in seiner Heimatstadt an der Hochschule der Künste. In der Regel lebt und arbeitet Heiner in Berlin, wo er sich das Atelier mit dem Künstler Jörn Grothkopp teilt. Bezeichnend für den Künstler ist seine Hinwendung und Auseinandersetzung mit der asiatischen Kultur, was sich auch in einem Teil seiner Arbeiten widerspiegelt. Seine Werke zeichnen sich durch abstrakte Farbgestaltungen und plastische Bilddarstellungen aus. Der Berliner erzählte uns, dass seine Malerei auch sehr von seinen Aufenthalten im Ausland geprägt ist. Über viele Jahre unterhielt er Ateliers in Peking, Shanghai und Bangkok. “Ich glaube, dass während dieser Aufenthalte in mir unheimlich viel aufgebrochen ist. Ich hatte vorher das Gefühl, dass meine Malerei in gewisser Weise etwas festgefahren war. Aber dieser Schock der Großstadt, der Schock des Anderen, des Fremden hat mich sehr geöffnet. Ich konnte wieder zur Farbe zurückkehren, habe angefangen, in die Farbe zu kratzen, und versucht, Spuren zu finden. (…) Aber auch das Ausgesetztsein in einen ganz anderen kulturellen Kontext empfand ich für mich als sehr elementar und entdeckenswert. Ich konnte mich in der Ausnahmesituation sozusagen selbst finden: in der Fremde, fernab von meiner kulturellen Identität. Ich konnte wieder zu mir zurückkehren – und fand diesen Widerspruch spannend: Wegzugehen, um zurückzukehren.”

Sebastian Heiner

#1 Die Wahrnehmung des Künstlers

“Bei uns beiden Künstlern geht es vor allem um Wahrnehmung. Wir sprechen oft darüber, was eigentlich Wirklichkeit ist. Wir nehmen die Welt unterschiedlich wahr und versuchen zu erkennen wie der andere die Welt sieht, wie wir uns unterscheiden und wo wir uns treffen. Auf jeden Fall treffen wir uns in der ständigen Hinterfragung der eigenen Position. Bei beiden geht es um den Prozess des Schaffens. Für uns ist der Prozess wichtiger als das Ergebnis, der Weg ist das Ziel. Es geht um die verschiedenen Möglichkeiten der Entstehung eines Bildes. Da ist es gerade schön, wenn die Variationen bei uns so unterschiedlich sind. Wir lieben den Austausch, auch mit anderen Personen, und ich halte ihn auch für entscheidend wichtig. Das hilft locker zu bleiben, sich nicht zu sehr zu fixieren und die Türen offenzuhalten.”

#2 Die Bühne des Künstlers

“Mein Feld des Malens begreife ich als Bühne. Wenn ich mich umziehe, versuche ich abzuschalten und mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ich verlasse das Alltägliche und überschreite eine Grenze in ein Chaos hinein, wo ich nichts habe, außer mir selbst. Die Kleidung ist die Verkleidung, die Bühne ist das Aktionsfeld. Nun geht es an die Gestaltung: Ich arbeite sehr körperlich. Manchmal drücke ich die Tuben auf dem Boden aus, sodass ich erst mal eine Masse von Farbe habe. Manchmal greife ich mit der Hand hinein und verstreiche sie anschließend direkt mit meinem Körper auf der Leinwand. Oder ich nehme Pappe, tauche sie in die Farbe und ziehe sie über die Leinwand. Es muss schnell, direkt und spontan sein. Ich denke hierbei an die Arbeit mit Tusche in Asien und dass man genau konzentriert in dem richtigen Moment das Richtige tut. Dieser Moment ist die Präzision im Chaos. Man muss seiner Intuition folgen. Es kann auch passieren, dass ich eine Komposition geschaffen habe, die mir gut gefällt – bis auf einen kleinen Moment, der das ganze System zum Abstürzen bringt. Es ist eine Kettenreaktion. Das Bild, das zufällig zu sein scheint, ist letztendlich immer ein System von Elementen. Diese Elemente müssen auch eine Ordnung erfahren. Das Freisein kann täuschend sein, denn man hat immer gewisse Module und Teile zur Verfügung. Ich habe eine bestimmte Armbewegung, die ich immer wieder vollziehe ohne es zu merken. Ein bestimmtes Repertoire ist in gewisser Weise auch beschränkend. Zwar kann ich aus diesem Repertoire heraus viele Variationen schaffen, doch meine große Angst ist die Entwicklung von Automatismen und einer Routine. Dagegen muss ich immer wieder ankämpfen, weshalb ich die Grundfarbe oder das Format ändere und einen Schritt zurückgehe. Jeder hat seinen eigenen Stil: Allein schon der physische und psychische Aufbau bestimmt die Elemente, die man zur Verfügung hat. Es geht nicht darum das Repertoire der Elemente zu verändern, höchstens es maximal zu erweitern. Die Gefahr für das Kreative sind die Routine und Gleichförmigkeit.”

Sebastian Heiner – Indischer Tanz

#3 Der Arbeitsprozess des Künstlers

“Interessant wird es, wenn keine konkrete Idee vorhanden ist. Mich fordert es heraus immer bei null anzufangen. Das heißt weder eine festgefahrene Idee, noch eine vorgefertigte Meinung zu haben, sondern momenthaft und aus dem Zufall heraus zu agieren, um dann zu sehen, dass sich doch immer wieder eine ähnliche Linie kristallisiert. Auf diese Weise kann man gar nicht anders handeln, als aus sich selbst heraus. Vieles lässt man hinter sich, bis man nur noch das sein kann, was man ist. Meine Motivation besteht darin mich nicht in ein bestimmtes Schema pressen zu lassen, weswegen ich auch das Format auf der Leinwand verändere. Ich stelle mich also auch rein formal in Frage. Es ist eine permanent wiederkehrende Frage, die auch aus einer gewissen Unsicherheit resultiert. Ich muss wieder etwas Neues probieren und mich herausfordern.”

“Wenn Fehler passieren “muss ich im schlimmsten Fall ein neues Bild anfangen. Es wird dann auch mal aussortiert, oder ich übermale es, was jedoch nur in einem gewissen Grad passieren sollte, weil die Frische und Direktheit sich sonst verlieren. Manchmal misstraue ich dem schnellen Ergebnis, man muss immer auf der Hut sein, sich ständig kritisch hinterfragen und dabei konzentriert sein. Ich bin ein großer Anhänger des Pragmatismus. Vielleicht ist es aufgrund der Angst vor dem Chaos und dem Kontrollverlust. Es geht darum eine Balance zwischen dem Chaos und einer geordneten, praktisch orientierten Welt zu halten und diese Spannung auszuhalten. Das Leben unterliegt einem chaotischen Prinzip, doch irgendeine Form von Ordnung muss es hier geben, weil das Chaos sonst zu zerstörerisch ist. Es ist eine dialektische Anschauung der Welt aus zwei Gegensätzen etwas zu schaffen und das Geschaffene anschließend wieder zu hinterfragen.”

#4 Die Regeln des Künstlers

“Wichtig ist es Schritt für Schritt voranzugehen und Entscheidungen zu treffen. Um die Dynamik des Chaos einzuschränken, muss man versuchen die Dinge rational einzugrenzen, bis man zu einem Ergebnis kommt. Ich versuche die Dynamik des Chaos in einem kleinen Moment zu fassen, wie beim Schach. Das Brett unterliegt dem Chaos und man versucht es zu beherrschen. Dazu braucht man auch Mut, denn vielleicht kann man die Dinge gar nicht beherrschen und versucht es trotzdem. Das Risiko des Scheiterns besteht immer. Es kann schon deshalb ein Existenzkampf sein, weil man freiberuflich tätig ist und man seine eigenen Regeln tagtäglich aufstellen muss und gewisse Dinge nicht erzwingen kann. Das Netzwerk und die Kontakte müssen ständig gepflegt und erneuert werden. Es ist eine ständige Anspannung, da man ständig dem Druck der Improvisation unterliegt. Jeder Tag ist neu. Es besteht keine Garantie für irgendetwas, aber das alles kann auch unheimlich attraktiv sein. Die Resonanz und die Bestätigung sind essentiell. In der reinen Isolation kann man nichts schaffen und daher gilt es den Austausch pflegen. Ansonsten geht der Mensch ein.”

Sebastian Heiner – Dämmerung

#5 Was die Wirtschaft vom Künstler lernen kann

“Von dem Prozess der ständigen Selbsterneuerung und Nichtstehenbleibens. Dass man mutig genug bleibt Probleme anzugehen und Lösungen zu finden und dabei wendig und offen ist. Dass sie erkennen, dass es keine Sicherung gibt, sondern immer wieder neue Momente. Dass man im Team arbeitet und mit seinen Partnern kommuniziert, sodass man die Dinge nicht alleine, sondern gemeinsam voranbringt. Dass sie an sich selbst und an die Menschen glauben. Der Glaube an sich selbst ist der stärkste Antrieb durch den man es schafft Lösungen zu finden. Es gibt immer eine Lösung, auch wenn sie vielleicht anders ist, als man sie sich vorgestellt hat. Manchmal hat die Lösung auch keine Lösung.

Ich glaube, dass das jeder erfahren kann: Egal, ob Präsident, ein Kassierer oder ein Professor. Es kommt darauf an, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten die Dinge zur Entfaltung bringt und dabei das Maximale aus sich herausholt. Dabei sollte man menschlich bleiben und an die schöpferische Qualität auch dann glauben, wenn man wenig Spielraum hat. Es geht darum die positiven menschlichen Qualitäten zu kultivieren: Mitleid, Mitgefühl, Austausch, Hilfe, usw., das kann jeder leisten. Grundsätzlich geht es in der Wirtschaft darum etwas zu entwickeln und voranzutreiben, das sind Grundelemente des menschlichen Tuns. Man will etwas erwirtschaften und einen Mehrwert erzeugen, weshalb eine Strategie entwickelt werden muss, die das Schöpferische impliziert. Ohne Vision kann man keine Strategie und kein Produkt entwickeln. Die Kunst ist bloß ein Symbol für intensive, menschliche Handlung. Wenn man etwas erreichen will, muss man mutig, risikobereit, neugierig sein und Freude haben. Es funktioniert nicht, wenn man festgefahren ist und ohne einer gewissen Freiheit. Auch für das Kreative muss es Bedingungen geben.” Außerdem antwortete er die Frage ob er durch die Kunst besonders widerstandsfähig sei: “Ich denke schon. Es hat sich aber auch erst mit der Zeit entwickelt.”

Das komplette Interview mit Sebastian Heiner online lesen

AoA: Wie bist du zur Kunst gekommen?

Sebastian Heiner: Bei mir lag es in der Familie. Meine beiden Großväter waren Künstler, meine Mutter hat auch sehr viel gemalt und mein Vater war Architekt, der sich für Kunst sehr begeisterte. Meine Eltern haben mich deshalb sehr gefördert und mir viel Freiraum gelassen. So konnte ich mir eine eigene kleine Welt bauen, in der ich mich durch kreatives Handeln absetzen, aber genauso selbstfinden konnte. Das kann in der Form von Bauen,
Malen und Spielen geschehen. Vielleicht ist das Spielerische sogar die primäre Voraussetzung für Kreativität, auf jeden Fall war es bei uns in der Familie sehr ausgeprägt. Nach dem Abitur hatte ich zuerst die Idee Psychologie zu studieren und es wurde konkreter, als ich meine Mappe bei der Hochschule einreichte. Meine Eltern gaben sich nicht als Opposition, sondern unterstützten mich meinen eigenen Weg zu finden, der auch bedeuten kann, sich von seiner Familie in gewisser Weise abzugrenzen. Sie begleiteten mich bei dem diesem emanzipatorischen Prozess und gaben auch Kritik ab. Auf der einen Seite hat das die Familie sehr gestärkt, da die Kunst ein Band zwischen uns schuf. Wir gingen gemeinsam auf Ausstellungen und sprachen sehr viel darüber. Trotzdem ist es einer solchen Gemeinschaft schwierig sich seinen persönlichen Freiraum zu schaffen, der der Gemeinschaft widersprüchlich gegenübersteht. Es war mir sehr wichtig seine eigenen Grenzen festzulegen. Den eigenen Weg zu finden, bedeutet sich zu individualisieren, seine eigene Handschrift zu finden und diese immer stärker auszuformulieren. Meine Handschrift hat sich jetzt in Richtung abstrakter und expressiver Malerei entwickelt . Ich habe das immer wieder infrage gestellt und Ausflüge ins Figürliche gemacht, wovon ich auch wieder abgekommen bin. Für mich ist der körperliche Aspekt auch sehr wichtig, womit ich die direkte emotionale Auseinandersetzung, das Kämpferische und das Zerstörerische meine. Es geht um den Widerspruch ins Chaos zu gelangen und aus diesem Chaos heraus in eine Form zu finden. Es ist der Anspruch das Chaos zu komponieren.

AoA: Wo kommen die Ideen her und wie sieht dein Arbeitsprozess aus?

Sebastian Heiner: Interessant wird es, wenn keine konkrete Idee vorhanden ist. Mich fordert es heraus immer bei null anzufangen. Das heißt weder eine festgefahrene Idee, noch eine vorgefertigte Meinung zu haben, sondern momenthaft und aus dem Zufall heraus zu agieren, um dann zu sehen, dass sich doch immer wieder eine ähnliche Linie kristallisiert. Auf diese Weise kann man gar nicht anders handeln, als aus sich selbst heraus. Vieles lässt man hinter sich, bis man nur noch das sein kann, was man ist. Mein Wille besteht darin mich nicht in ein bestimmtes Schema pressen zu lassen, weswegen ich auch das Format auf der Leinwand verändere. Ich stelle mich also auch rein formal in Frage. Es ist eine permanent wiederkehrende Frage, die auch aus einer gewissen Unsicherheit resultiert. Ich muss wieder etwas Neues probieren und mich herausfordern. Meistens mache ich es so, dass ich das Format einer bestimmten Farbgebung unterziehe, z.B. violett oder blau. Ich mache die farbigen Hintergründe unterschiedlich, weswegen es von vornherein gleich einen unterschiedlichen Farbklang gibt, auf den ich reagieren muss. Den Grundton bestimme ich immer aus der Intuition heraus, aus meiner täglichen Befindlichkeit, auch deshalb weil es möglich macht, jeden Tag über sich selbst und seine Stimmung nachzudenken.

AoA: Machst du etwas um das Unterbewusste zu fördern? Gibt es einen Weg, den du einschlagen musst damit es gelingen kann?

Sebastian Heiner: Für mich ist eine gewisse Haltung interessant. Generell bin ich sehr an der Psychologie als Hintergrund menschlichen Handelns interessiert. Dabei geht es auch um gewisse philosophische Fragestellungen: Was macht den Menschen aus und was unterscheidet ihn? Was ist der Mensch überhaupt? Aber auch bezüglich von kreativen und schöpferischen Handlungen: Was macht eine Gestaltung aus und wie bildet sie sich? Es kann vielleicht entstehen, wenn man einfach loslegt, ohne Konzept und mit ungewissem Ausgang. Auch die Frage nach der Komposition, wie in der Musik: Man fängt an zu improvisieren und die Töne verknüpfen plötzlich eine Melodie, eine Komposition. Jeder Einzelne hat bestimmte Fähigkeiten und einen bestimmten Aufbau und kann aus sich selbst herausschöpfen. Trotzdem ist er das, was er ist. Jeder hat eine eigene Handschrift, die sich auch ändern kann, aber das Muster der Handschrift wird immer gleich bleiben.

AoA: Das Beispiel mit der Handschrift hört sich so an, als ob am Ende doch das Gleiche rauskommt?

Sebastian Heiner: Es ist ein Widerspruch. In Unternehmen ist es deshalb auch so wichtig, dass jeder seinen Fähigkeiten entsprechend eingesetzt wird. Eine Person kann nicht alle Fähigkeiten in sich vereinen und genauso ist es auch in meiner Arbeit. Ich muss herausfinden, was mich ausmacht.

AoA: Erzähl bitte vom Prozess an der Leinwand.

Sebastian Heiner: Mein Feld des Malens begreife ich als Bühne. Wenn ich mich umziehe, versuche ich abzuschalten und mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ich verlasse das Alltägliche und überschreite eine Grenze in ein Chaos hinein, wo ich nichts habe, außer mir selbst. Die Kleidung ist die Verkleidung, die Bühne ist das Aktionsfeld. Nun geht es an die Gestaltung: Ich arbeite sehr körperlich. Manchmal drücke ich die Tuben auf dem Boden aus, sodass ich erst mal eine Masse von Farbe habe. Manchmal greife ich mit der Hand hinein und verstreiche sie anschließend direkt mit meinem Körper auf der Leinwand. Oder ich nehme Pappe, tauche sie in die Farbe und ziehe sie über die Leinwand. Es muss schnell, direkt und spontan sein. Ich denke hierbei an die Arbeit mit Tusche in Asien und dass man genau konzentriert in dem richtigen Moment das Richtige tut. Dieser Moment ist die Präzision im Chaos. Man muss seiner Intuition folgen.

AoA: Wie viel Expertise steckt da drin?

Sebastian Heiner: Es geht auch um eine Form von Freiheit. Beim Heranwachsen und Erwachsenwerden ist man eher mit Vorurteilen belastet und stärker reguliert. Das alles hinter sich zu lassen, ist ein Arbeits- und ein Bewusstseinsprozess. Das muss man lernen. Es hat auch etwas mit Meditation zu tun. Wenn man die fertigen Bilder aufhängt und betrachtet, fragt man sich selbst, warum das eine Bild nun besser ist als das andere. Es kann daran liegen, dass eines nur eine Zufälligkeit ohne Spannung ist, während das andere Bild eine Komposition und gesetzter ist. Ein Bild sollte letztlich auch immer eine Spannung haben. Sie kann durch Gegensätze, Formulierungen und bewusste Entscheidungen entstehen. Manchmal korrigiert man im Nachhinein noch etwas.

AoA: Wie lange dauert es bis ein Bild entsteht?

Sebastian Heiner: Ich strebe eine relativ kurze Zeit an, um eine hohe Form von Konzentration zu kultivieren. Wenn das nicht gelingt, beginnt es wieder von vorne. Es kann auch passieren, dass ich eine Komposition geschaffen habe, die mir gut gefällt – bis auf einen kleinen Moment, der das ganze System zum Abstürzen bringt. Es ist eine Kettenreaktion. Das Bild, das zufällig zu sein scheint, ist letztendlich immer ein System von Elementen. Diese Elemente müssen auch eine Ordnung erfahren. Das Freisein kann täuschend sein, denn man hat immer gewisse Module und Teile zur Verfügung. Ich habe eine bestimmte Armbewegung, die ich immer wieder vollziehe ohne es zu merken. Ein bestimmtes Repertoire ist in gewisser Weise auch beschränkend. Zwar kann ich aus diesem Repertoire heraus viele Variationen schaffen, doch meine große Angst ist die Entwicklung von Automatismen und einer Routine. Dagegen muss ich immer wieder ankämpfen, weshalb ich die Grundfarbe oder das Format ändere und einen Schritt zurückgehe. Jeder hat seinen eigenen Stil: Allein schon der physische und psychische Aufbau bestimmt die Elemente, die man zur Verfügung hat. Es geht nicht darum das Repertoire der Elemente zu verändern, höchstens es maximal zu erweitern. Die Gefahr für das Kreative sind die Routine und Gleichförmigkeit.

AoA: Ist im Schaffensprozess Raum für Feedback und Kooperation?

Sebastian Heiner: Bei uns beiden Künstlern geht es vor allem um Wahrnehmung. Wir sprechen oft darüber, was eigentlich Wirklichkeit ist. Wir nehmen die Welt unterschiedlich wahr und versuchen zu erkennen wie der andere die Welt sieht, wie wir uns unterscheiden und wo wir uns treffen. Auf jeden Fall treffen wir uns in der ständigen Hinterfragung der eigenen Position. Bei beiden geht es um den Prozess des Schaffens. Für uns ist der Prozess wichtiger als das Ergebnis, der Weg ist das Ziel. Es geht um die verschiedenen Möglichkeiten der Entstehung eines Bildes. Da ist es gerade schön, wenn die Variationen bei uns so unterschiedlich sind. Wir lieben den Austausch, auch mit anderen Personen, und ich halte ihn auch für entscheidend wichtig. Sie hilft locker zu bleiben, sich nicht zu sehr zu fixieren und die Türen offenzuhalten.

AoA: Was geschieht, wenn dir Fehler passieren?

Sebastian Heiner: Im schlimmsten Fall muss ich ein neues Bild anfangen. Es wird dann auch mal aussortiert, oder ich übermale es, was jedoch nur in einem gewissen Grad passieren sollte, weil die Frische und Direktheit sich sonst verlieren. Manchmal misstraue ich dem schnellen Ergebnis, man muss immer auf der Hut sein, sich ständig kritisch hinterfragen und dabei konzentriert sein. Ich bin ein großer Anhänger des Pragmatismus. Vielleicht ist es aufgrund der Angst vor dem Chaos und dem Kontrollverlust. Es geht darum eine Balance zwischen dem Chaos und einer geordneten, praktisch orientierten Welt zu halten und diese Spannung auszuhalten . Das Leben unterliegt einem chaotischen Prinzip, doch irgendeine Form von Ordnung muss es hier geben, weil das Chaos sonst zu zerstörerisch ist. Es ist eine dialektische Anschauung der Welt aus zwei Gegensätzen etwas zu schaffen und das Geschaffene anschließend wieder zu hinterfragen.

AoA: Gibt es Regeln, wie du dich zu diesem Pragmatismus bringst?

Sebastian Heiner: Wichtig ist es Schritt für Schritt voranzugehen und Entscheidungen zu treffen. Um die Dynamik des Chaos einzuschränken, muss man versuchen die Dinge rational einzugrenzen, bis man zu einem Ergebnis kommt. Ich versuche die Dynamik des Chaos in einem kleinen Moment zu fassen, wie beim Schach. Das Brett unterliegt dem Chaos und man versucht es zu beherrschen. Dazu braucht man auch Mut, denn vielleicht kann man die Dinge gar nicht beherrschen und versucht es trotzdem. Das Risiko des Scheiterns besteht immer. Es kann schon deshalb ein Existenzkampf sein, weil man freiberuflich tätig ist und man seine eigenen Regeln tagtäglich aufstellen muss und ge wisse Dinge nicht erzwingen kann. Das Netzwerk und die Kontakte müssen ständig gepflegt und erneuert werden. Es ist eine ständige Anspannung, da man ständig dem Druck der Improvisation unterliegt. Jeder Tag ist neu. Es besteht keine Garantie für irgendetwas, aber das alles kann auch unheimlich attraktiv sein.

AoA: Gibt es, außer der konstanten Neugier, bestimmte künstlerische Eigenschaften, die du hast? 

Sebastian Heiner: Außer der Neugier auch die Freude an Menschen und an der Kommunikation mit Menschen. Der Mensch ist brüchig und verletzbar und es ist interessant zu sehen, dass jeder Mensch versucht diese Verwundbarkeit zu stabilisieren und etwas herauszubilden. Es ist ein grundsätzliches Minderwertigkeitsgefühl gegenüber der Natur, weil der menschliche Entwicklungsweg so lang ist. Gerade wenn er geboren wird, ist er so verletzlich wie kein anderes Tier. Diese Verletzbarkeit versucht er durch die Darstellung und durch das Handeln aufzuwerten. 

AoA: Bist du durch die Kunst besonders widerstandsfähig? 

Sebastian Heiner: Ich denke schon. Es hat sich aber auch erst mit der Zeit entwickelt.

AoA: Wie wichtig sind dir Publikum und Ausstellungen? 

Sebastian Heiner: Die Selbstdarstellung ist eine ganz wichtige Form: Man macht etwas aus eigenem Antrieb und möchte es anschließend auch zeigen. Es geht in der Kunst auch um Kommunikation, denn man möchte darüber reden. Es gibt Künstler, die sagen der Prozess des Bildes sei abgeschlossen, wenn es an der Wand hängt. Ab diesem Zeitpunkt ist der Künstler außen vor, denn das Bild wird offen diskutiert. Er ist bloß noch der Macher. Bilder, die über einen langen Zeitraum bestehen bleiben, sind kollektive Werke, bei denen der einzelne Maler vielleicht keine große Rolle mehr spielt. Ein Rembrandt wird in einer anderen Zeit wieder anders interpretiert und das über den Künstler hinaus. Denn er hat etwas allgemein Wahres über die Menschen gesagt. 

AoA: Führt Kritik und Feedback dazu, dass du nach einer Ausstellung anders arbeitest?

Sebastian Heiner: Die Resonanz und die Bestätigung sind essentiell. In der reinen Isolation kann man nichts schaffen und daher gilt es den Austausch pflegen. Ansonsten geht der Mensch ein. 

AoA: Was ist deine Haltung?

Sebastian Heiner: Meine Haltung ist optimistisch: Nie aufgeben, weitermachen und positiv denken. Die Hoffnung stirbt zuletzt. 

AoA: Was können Menschen aus der Wirtschaft von Künstlern lernen?

Sebastian Heiner: Von dem Prozess der ständigen Selbsterneuerung und Nichtstehenbleibens. Dass man mutig genug bleibt Probleme anzugehen und Lösungen zu finden und dabei wendig und offen ist. Dass sie erkennen, dass es keine Sicherung gibt, sondern immer wieder neue Momente. Dass man im Team arbeitet und mit seinen Partnern kommuniziert, sodass man die Dinge nicht alleine, sondern gemeinsam voranbringt. Dass sie an sich selbst und an die Menschen glauben. Der Glaube an sich selbst ist der stärkste Antrieb durch den man es schafft Lösungen zu finden. Es gibt immer eine Lösung, auch wenn sie vielleicht anders ist, als man sie sich vorgestellt hat. Manchmal hat die Lösung auch keine Lösung. 

Ich glaube, dass das jeder erfahren kann: Egal, ob Präsident, ein Kassierer oder ein Professor. Es kommt darauf an, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten die Dinge zur Entfaltung bringt und dabei das Maximale aus sich herausholt. Dabei sollte man menschlich bleiben und an die schöpferische Qualität auch dann glauben, wenn man wenig Spielraum hat. Es geht darum die positiven menschlichen Qualitäten zu kultivieren: Mitleid, Mitgefühl, Austausch, Hilfe, usw., das kann jeder leisten. Grundsätzlich geht es in der Wirtschaft darum etwas zu entwickeln und voranzutreiben, das sind Grundelemente des menschlichen Tuns. Man will etwas erwirtschaften und einen Mehrwert erzeugen, weshalb eine Strategie entwickelt werden muss, die das Schöpferische impliziert. Ohne Vision kann man keine Strategie und kein Produkt entwickeln. Die Kunst ist bloß ein Symbol für intensive, menschliche Handlung. Wenn man etwas schöpfen will, muss man mutig, risikobereit, neugierig sein und Freude haben. Es funktioniert nicht, wenn man festgefahren ist und ohne einer gewissen Freiheit. Auch für das Kreative muss es Bedingungen geben. 

Info

Ein Beitrag von Dirk Dobiéy & Adina Asbeck.
Das Interview wurde am 12.03.2015 von Dirk Dobiéy durchgeführt.
Bildquelle: Hans-Georg Gaul (für Sebastian Heiner) & Age of Artists.

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