Interview
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Benjamin Stromberg

Der Moment der Überraschung haftet dem Kreativen immer an. Man lässt sich selber überraschen.

Interview mit dem Komponisten Ludger Brümmer

Ludger Brümmer war einer der ersten seiner Generation, die sich dem damals neuen Feld der ausschließlich digital erzeugten elektro-akustischen Musik zuwandte. Er ist einer der Wegbereiter einer musikalischen Gattung, die inzwischen längst über sämtliche Wachstumsschübe und den mehrfachen Wandel hinaus ist. Ahnte er das damals bereits? „Künstler sind immer im Hier und Jetzt behaftet. Die Rezeption liegt in der Vergangenheit. Das heißt die Kunst, die wir verstehen, ist auch immer eine Kunst von gestern und einer vorherigen Zeit. Künstler leben auch in der jetzigen Welt und dass sie 50 Jahre weiter leben sollten, macht keinen Sinn. Das Einzige ist, dass sie sich etwas weiter vortasten“, sagt er. Und ein Ziel seiner  Reise stand nie fest: „Man lässt sich auf einen ergebnisoffenen Prozess ein. Dieser Moment der Überraschung haftet dem Kreativen immer an. Man lässt sich selber überraschen.“

Im Gespräch mit Brümmer wird deutlich, dass für ihn die Aspekte der Emotionalität und Sinnlichkeit eine entscheidende Rolle in seiner Arbeit spielen. „Der kreative Prozess ist kein Selbstzweck und es ist auch keine rein kognitive Beschäftigung mit Inhalten, sondern ist immer begleitet von Emotionen.“ Emotionen und die Frage nach dem Sinngehalt leiten ihn primär in seinem Schaffen und seinem Bestreben etwas in die Welt hinaus zu transportieren: „Sinnlichkeit ist für mich eine menschliche Eigenschaft, für die ich eintrete. Es geht darum, dass wir keine allzu abgehobene Kunst machen, sondern uns auch verknüpfen und erden können. Die Kreativität ist für mich daher nicht das Beängstigende, sondern eher die Frage nach dem Sinn der Kreativität, die Frage der Umsetzung.“ Er schlägt somit einen scheinbar irrationalen Weg ein, um sich mit der Realität zu verbinden. Um sich zu vergewissern, ob es funktioniert, ist schließlich die Aufführung vor dem Publikum entscheidend – „das ist eine privilegierte Situation“, sagt er und bedeutet für ihn eine Art Wertschätzung, die essentiell wichtig für den Fortgang seiner Arbeit ist.

Brümmer ist der Meinung, dass ein künstlerischer Prozess nicht notwendigerweise an die Musik bzw. Kunst im Allgemeinen gebunden ist. „Kreativität muss nicht immer künstlerisch sein. Dieses Interesse daran sich solchen Prozessen hinzugeben und zu kombinieren, montieren, aufbauen, zerstören und ein Ergebnis zu haben – diese Neugierde ist etwas ganz Zentrales.“ Die Integration solcher Prozesse oder der Möglichkeit sich solchen Prozessen hinzugeben, kann auch in anderen Disziplinen verwirklicht werden. Brümmer erklärt, dass es genau diese Prozesse sind, die unter Künstlern das Gefühl der Selbstverwirklichung befördern. Dabei handelt es sich nicht um einen Status Quo, sondern eine stetige Weiterentwicklung. „Ich finde das Entscheidende ist die Identifikation mit dem, was man tut. Das ist etwas, das Künstlern ziemlich eigen ist. Auch wenn sie ambivalent zu ihrem eigenen Werk stehen und ihre Haltung mal ändern können, identifizieren sie sich mit ihrem Schaffen und mit dem, was aus ihnen heraus geboren worden ist.“

Das komplette Interview mit Ludger Brümmer online lesen

Einleitung

Der Komponist Ludger Brümmer studierte Pädagogik und Komposition und gehört zu den führenden Komponisten von Computermusik seiner Generation. Er war einer der ersten, die sich dem damals neuen Feld der ausschließlich digital erzeugten elektroakustischen Musik zuwandte. Brümmer integriert in seine Werke zudem visuelle, bildhafte und gestische Aspekte als unmittelbar kompositorische Materialien. 

Interview

AoA: Wie sind Sie zur Kunst gekommen? 

Ludger Brümmer: Bei dieser Frage muss ich sofort an Lego spielen denken. Das sind die Anfänge der grundlegenden Prinzipien von Kreativität, die man als Kind einstudiert. So kann man auch feststellen, ob einen diese Art des Bauens interessiert. Zwar arbeite ich mit Tönen, aber das hat viel mit dem Zusammenbauen von Dingen zu tun. Sei es ein Musiker oder ein Maler, ich glaube es besteht immer ein Drang, eine Lust und was Spielerisches. Das Lego spielen hat auch einen Aspekt, dass man sich nicht zu stark auf das Ziel fokussiert. Erstmal habe ich eine Idee und dann schaue ich, wo es mich hinbringt. Man lässt sich auf einen ergebnisoffenen Prozess ein. Dieser Moment der Überraschung haftet dem Kreativen immer an und man lässt sich selber überraschen. Abgesehen davon habe ich schon mit sieben Jahren angefangen Klavier zu spielen. Aber mit dem Lego spielen wollte ich nochmal hervorheben, dass Kreativität nicht immer künstlerisch sein muss. Dieses Interesse daran sich solchen Prozessen hinzugeben und zu kombinieren, montieren, aufbauen, zerstören und ein Ergebnis zu haben – diese Neugierde ist etwas ganz Zentrales. 

AoA: Haben Sie das Spielerische in Ihrer Entwicklung als Künstler aufrechterhalten? 

Ludger Brümmer: Ja. Ich kann mir vorstellen, dass Emotionalität sehr entscheidend ist. Der kreative Prozess ist kein Selbstzweck und es ist auch keine rein kognitive Beschäftigung mit Inhalten, sondern es ist immer begleitet von Emotionen, die sicher als eine Art Belohnungssystem fungieren. Wenn man also in solchen kreativen Situationen Emotionen entwickeln kann, dann funktioniert es. Ohne die Emotionen wäre es eine Aktivität der Intelligenz, der man eventuell nicht unbedingt gerne nachgeht. Emotionen belohnen und führen. Wir wissen alle, dass Emotionalität von Musik etwas sehr Interessantes ist, aber nicht jeder hat den Zugang dazu. Fast jeder sucht sich Musik, die er hört, aber das heißt nicht, dass es jedem gelingt sie auch mit einer Aktivität zu verbinden. Ich für meinen Teil habe immer diese Verbindung aufrechterhalten, auch wenn es zwischendurch mal andere Prioritäten im Jugendalter gegeben hat. Nach meinem Musikstudium und dem parallel laufenden Diplom in Pädagogik, habe ich es aufleben lassen.

AoA: Hat Ihnen jemand gesagt, dass Sie mal ein Künstler, oder auf der Bühne stehen werden? 

Ludger Brümmer: Nein. Meine erste Klavierlehrerin war eine Nonne, die ständig häkelte und jedes Mal, wenn ich einen falschen Ton spielte, sagte sie: „Nein, nein, nein.“ Hinterher sagte sie zwar auch, dass ich Talent hätte und nicht vom Weg abkommen dürfe, aber da habe ich nicht mehr genau hingehört. Es gab aber auch Begegnungen mit Menschen, wo solch eine Bestätigung für mich eine große Rolle gespielt hat. 

AoA: Weil diese Person Sachverstand hatte oder war das belangloser? 

Ludger Brümmer: Wichtiger war, dass diese Person eine Autorität darstellt, die man schätzt. Ich denke diese Erlebnisse, Personen und deren Wertschätzung sind eine ganz wichtige Quelle für Motivation. Es gibt andere Menschentypen, die mehr aus sich selbst heraus agieren und sehr selbstsicher sind. Ich bin mit fünf Geschwistern groß geworden, weshalb der Fokus der Förderung nicht nur auf mir lag wie bei einem Einzelkind. Einmal forderte ich von einem Jungen, der als hochtalentiert galt, dass er mir mal zeigen soll, was er kann. Als er an seine Grenzen kam, fing er an zu weinen weil er es nicht gewohnt war, gefordert zu werden. Die Eltern wollten ihn davor schützen zu scheitern. So etwas kann nur nach hinten losgehen. Ich will damit sagen, dass die situativen Umstände eines Menschen sehr komplex sind und auch durch Zufälle und Konstellationen bestimmt werden, die nicht rational optimiert sind und dann auch so funktionieren. 

AoA: Was sind Ihre Erlebnisse des Scheiterns und was hat es ausgelöst? 

Ludger Brümmer: Je weiter weg ein Scheitern ist, umso mehr hat man es überwunden. Es gibt viele Formen des Scheiterns. Z.B. hat man Kollegen, die besser oder bekannter werden als man selber oder bestimmte Prozesse, die man nicht bewältigen konnte. Wolfgang Riem hat mal etwas sehr Interessantes bezüglich seiner Kreativität beschrieben: Dass er auch irgendwas tut, weil er noch keinen Bock hat mit dem Komponieren anzufangen. Er braucht den Druck, die Deadline oder irgendetwas, das ihn dazu bringt sich hinzusetzen. Da verschenkt man auch viele Ressourcen, aber das gehört eben dazu. Ich nenne das Vermeidungsverhalten. Ich würde auch erst mal aufräumen bevor ich mich hier in diesen Raum setzen würde und anfangen könnte zu komponieren. Es geht darum nicht anfangen zu müssen, ein Shut Down. Man fährt sich komplett runter und konzentriert sich, um in diesen Prozess einzusteigen. Eigentlich sind es ja Ablenkungen, die das Sensorium verstummen lassen, um eine Art innere Aktivität freizusetzen. Alles Aufregende verschwindet und man ist bereit sich dieser Reduktion der Wahrnehmung und Aktivität auszusetzen. 

AoA: Gibt es auch die Angst davor, nicht kreativ sein zu können? 

Ludger Brümmer: Die gibt es schon, aber bisher bin ich noch nicht in diese Situation gekommen. Mein ehemaliger Kompositionslehrer hat mir mal den Rat gegeben sich zehn Minuten hinzusetzen und abzuwarten was passiert, das funktioniert immer. Das ist das Zentrale: Hinsetzen, nicht ablenken lassen und dann kommt es automatisch. Die Kreativität ist für mich daher nicht das Beängstigende, sondern eher die Frage nach dem Sinn der Kreativität, die Frage der Umsetzung und wie man es hinaus in die Welt und in die Wahrnehmung transportieren kann. Der erste Erfolg ist für mich, wenn ich etwas höre und der zweite, wenn ich es vor einem Publikum aufführen kann. Das ist eine privilegierte Situation. Es kommen 20, 30 Leute die das hören möchten, weil es auf irgendeine Weise attraktiv für sie ist, eine Art Wertschätzung bzw. erst mal eine Art Kredit von Wertschätzung. Das hat wiederum damit zu tun, dass Musik programmiert wird und mit Aufträgen arbeitet. Es ist nicht immer einfach über Jahre erfolgreich zu bleiben. Die Frage nach der Relevanz stelle ich mir immer wieder. 

AoA: Beschreiben Sie Ihren Prozess beim Komponieren.

Ludger Brümmer: Der formale Ablauf ist immer der gleiche, denn am Anfang steht eine Reihe von Ideen, die durchdekliniert und verändert werden. Der Anfang ist ein kleiner Code, programmiert von der Idee eines Thrillers. Das ist einfach nur eine Bewegung von zwei Tönen. Dann gucke ich, dass der Code stimmt, die Syntax da ist und das Outputformat richtig ist. Anschließend überlege ich mir wie ich den Thriller erweitern kann. Im Grunde gibt es zwei Typen: die Erweiterung der Grundlage eines Modells und die Fokussierung eines Ziels. Ersteres hat eigentlich kein Ziel und das Zweite hat ein Ziel, das es jedoch nicht unbedingt zu erreichen gilt. Es geht dabei um die Struktur. Ich benutze eine alte Programmiersprache, die sehr ausführlich ist. Es ist ein semantischer Code aus einer künstlichen Intelligenz. Da gibt es Pakete, bzw. Metasprachen, mit denen man solche Strukturen herstellt. Es gibt auch noch physikalische Modelle; ein Forschungsinstitut aus Grenoble arbeitet mit Künstlern zusammen, die diese nutzen dürfen. Die dritte Variante ist der Final Cut. Wenn jemand so unbedarft wie ich in die Filterkiste hineinspringt und die Effekte anfängt naiv zu nutzen, dann kann man zu extremen Möglichkeiten greifen.

Meine Arbeitsmethode habe ich so entwickelt, dass ich eine bestimmte Auswahl grob filtere und jegliches Klangmaterial auswendig lerne. Es wird kategorisiert und genau beschrieben, wie eine Art Bibliothek, die bei jedem Stück neu- oder weiterentwickelt wird. Dabei handelt es sich bereits um Audiofiles, die ich nach ihrer Generierung versuche auf der klanglichen Ebene geringfügig zu verändern und anschließend zusammen zu mischen. Anschließend versuche ich aus den auswendig gelernten Strukturen einen Verlauf zu bilden, durch Kombinieren. Gleichzeitig bin ich der Hörer. 

AoA: Wann beginnt dann die Kunst? 

Ludger Brümmer: Es ist der Teil der Kreation und der schönste Teil. Emotionalität spielt hier eine große Rolle und es entsteht eine wachsende Gestalt. Dabei gibt es viele einzelne Inseln, die man in die Struktur einbetten will, durch ständiges Ausprobieren. Erfahrung hilft hier schneller voranzukommen.

AoA: Gibt es Krise und Zweifel in diesem Teil des Arbeitsprozesses? 

Ludger Brümmer: Nein, eigentlich nicht. 

AoA: Erhalten Sie Feedback und Resonanz vor der Aufführung vor dem Publikum? 

Ludger Brümmer: Wenn ich von etwas begeistert bin, dann drücke ich es auch anderen in die Hand. Dieses Feedback fließt auch in die Arbeit ein. 

AoA: Nehmen die Tänzer auch noch Einfluss darauf? 

Ludger Brümmer: Meistens ist die Musik fertig, bevor die Tänzer es hören. Wir hatten mal ein Projekt, bei dem der Chef sehr viele Vorgaben gemacht und Bedingungen gestellt hat, auf die ich musikalisch reagieren musste. Das war sehr schwierig, denn Klang kann man meiner Meinung nach nicht wie Knetmasse manipulieren. Der Optimierungsprozess auf diese Weise ist schwierig. 

AoA: Wird die Zusammenarbeit kollaborativer? 

Ludger Brümmer: Ich frage mich, ob gewisse Institutionen so etwas überhaupt leisten können. Gerade große Apparate wie Opern mit Schauspielern, einem Orchester, Tänzern, Bühnenbildnern etc.: Schon rein logisch betrachtet, ist es nicht möglich, dass jedes Individuum die gleiche Stimme haben kann. In einem Musik-Ensemble ist vom Rang her fast jeder ein Solist. Es gehört zur Kultur eines Ensembles, dass jeder die Verantwortung übernimmt und die Ensemblemusik ist nicht nur eine Frage des Klanges, sondern auch der gesellschaftlichen Ordnung. In der elektronischen Musik ist es auch häufig so, dass nur ein paar wenige, mündige Musiker zusammenarbeiten und dass die Interaktion zwischen Musikern und Komponisten sehr kollegial ist. Komponisten werden auch manchmal durch die Musiker getestet, ob sie ihre Arbeit auch gut gemacht haben. Komponisten sind auch keine Stars in dem Sinne mehr, wie früher. Bei uns in der elektronischen Musik gibt es noch immer die Autorität der Technologie und nicht eine einzelne Person, die versucht Macht auszuüben. Der Technologie müssen sich alle unterordnen und man wird gezwungen interaktiv mit seiner Umwelt und den anderen Beteiligten zu werden. 

AoA: Sind im kreativen Teil des Prozesses schon die Musiker dabei, oder wie entsteht die Partitur? 

Ludger Brümmer: Es ist häufig so, dass die Partitur über MIDI simuliert wird, wodurch auch algorithmische Strukturen entstehen. Aber das hängt auch mit der Kultur zusammen, akademische Musik z.B. funktioniert durch Komponist, Interpret und Veranstalter. In der Popmusik und als DJ ist es oft transdisziplinärer, häufig sind der Interpret und der Komponist eine Person. Dadurch verändern sich diese Rollen. Es passiert in der elektronischen Musik häufig, dass Komponisten die technischen Tools zu meistern lernen und so zu Interpreten werden. Es dann nur noch ein kleiner Schritt auf die Bühne zu gehen und zu spielen.

AoA: Wie sind Sie dazu gekommen, dass Sie heute solche Art Musik machen? 

Ludger Brümmer: Es war in der 12. Klasse im Gymnasium, ich kann mich genau an die Situation erinnern. Mauricio Kagel war als Komponist mit seiner Gruppe da und sie haben eine Art Kasperletheater gespielt und es mit seltsamen Geräuschen unterlegt. Kagel ist ein Theatermensch gewesen und das Interessante daran war, dass ich es nicht verstand. Ich dachte aber, dass es irgendeinen Sinn haben muss und genau an diesem Punkt habe ich das Potenzial gesehen: Ich weiß, was ich verstehe und an dieser Stelle muss ich mich nicht weiterentwickeln, aber das, was ich nicht verstehe, ist der Punkt an dem ich ankommen will. Es geht um eine Neugierde.

AoA: Was ist Ihre Haltung? 

Ludger Brümmer: Sinnlichkeit ist für mich eine menschliche Eigenschaft, für die ich eintrete. Es geht darum, dass wir keine allzu abgehobene Kunst machen, sondern uns auch verknüpfen und erden können. Das geschieht mithilfe der Sinnlichkeit, der Emotionalität, die die eigentlichen Grundlagen sind. Es ist eine Entscheidung, ob man sich in seiner Kunst auch von Emotionen leiten lässt, oder ob man, wie die Realisten unter den Komponisten, eine Ästhetik schafft, die erst einmal alle Emotionalität verbannt hat. Alles wurde dem Quadrat untergeordnet, unter der perfekten Form des rein rationalen Ansatzes. Als ich in den 80er Jahren Komponist wurde, war gerade die Zeit, in der der Realismus abebbte, aber noch immer auf einem hohen Niveau war. Für mich war die Idee, dass wir keine Maschinen sind, die in kein Raster passen, sondern uns über Emotionen erden, eine Art Gegenbewegung. Klänge und Musik haben diese Möglichkeiten. Das heißt nicht, dass man nur noch traurig oder fröhlich singen soll, sondern, dass solch eine Strukturidee nur um ihrer selbst willen da ist. Sie soll etwas mit sich transportieren, wo andere Zuhörer andocken können. Das ist ein anthropozentrisches Weltbild, aber gerade dieses Thema verknüpft mit der Emotionalität, beinhaltet mehr als den rationalen Menschen und Technologie. Technologie ist ein Werkzeug, genauso wie ein Instrument. Musik ist ein gutes Beispiel, denn Musik hat schon immer mit Werkzeugen gearbeitet, denn jedes Instrument ist ein Werkzeug, außer der Stimme. Die andere Seite ist die Essenzialität der Technologie, denn sie ist nicht nur reiner Selbstzweck, sondern auch eine Kultur. Gerade in der Musik ist das Credo sehr verbreitet, dass man nicht in so eine Art Romantizismus verfällt. Ich spiele Klavier, ein althergebrachtes und romantisches Instrument, aber trotzdem darf die gegenwärtige Musik nicht vergessen werden. Es ist das lustvolle Spiel mit Technologie und unserer Selbsteinbringung. Das spiegelt ganz gut unsere Zeit wieder. Es wäre ein sehr positiver Ansatz, um die Technologie mit Kreativität zu meistern und nicht umgekehrt. Kunst ist sowieso der beste Weg, um eine Beziehung mit etwas einzugehen. Funktion ist eine andere Möglichkeit, das Telefon und das Kommunizieren, aber was liegt dem zu Grunde? Natürlich unser Kommunikationsbedürfnis. 

AoA: Was halten Sie von Rationalität? 

Ludger Brümmer: Die Rationalität wird zu schnell und leicht überbewertet, wie z.B. ein Intelligenztest oder die Quotenbewertung im Fernsehen. Erfolg ist gleich, wenn viele Leute eine Sendung gesehen haben. Nur die Statistik und die damit einhergehende quantitative Bewertung sind relevant, aber keinerlei qualitative Kriterien. Wie haben die Leute es geguckt, haben sie es gerne gesehen, oder dabei gegessen und sich gelangweilt? Diese Art und Weise, wie wir Erfolg definieren, beinhaltet immer eine Art von Manipulation. Dann glauben wir, dass wir rational sprechen, aber es ist in Wirklichkeit überhaupt nicht rational. Der Glaube an die Rationalität scheint ein Irrtum zu sein. 

Wir Menschen sind dergestalt, dass wir auf unser Bauchgefühl achten. Viele erfolgreiche Leute haben gezeigt, dass das gut funktioniert. Das Bauchgefühl ist meistens noch ein bisschen reichhaltiger im Zusammenführen von Informationen. Angeblich können wir intuitiv schneller urteilen und eine höhere Treffsicherheit erzielen, als wenn wir rational handeln. Kunst geht ja auch ein Stück weit mit Projektionen um. Gerade im Video, wo nichts gegenständlich ist und jeder etwas anderes sieht, aber die Bandbreite der Interpretationen sehr breit gefächert ist. Auch Musik ist normalerweise nicht gegenständlich, sondern eine völlig abstrakte Information. Ich finde, dass dieser scheinbare Widerspruch von Technologie und Kunst & Emotionalität doch eine gute Möglichkeit ist, sich mit unserer Realität zu verbinden. Das klingt komisch, weil Kunst ein virtueller Raum ist, aber diese Rückbindung in diesen virtuellen Raum, unseren Projektionsraum, schafft uns erst eine Orientierung. Wenn wir nicht träumen, dann können wir die Realität nicht mehr von der inneren und äußeren Welt trennen. Wir brauchen eine Aktivität in dem inneren Bereich, die mit Emotionalität etwas vereinfacht scheint. Die imaginative Aktivität schafft uns immer die Möglichkeiten, Dinge zu verarbeiten, um wieder mit der Realität umzugehen. Man spürt Dinge im Traum. Freud hat nicht ohne Grund darin immer eine Reaktion auf reale Erlebnisse gesehen. Er hat den inneren Raum in Verbindung zum äußeren Raum gesetzt und das macht Kunst eigentlich auch. Ich will nicht sagen, dass Musik Therapie ist, aber sie kann uns einem Tagtraum zuführen. Wie rituelle Handlungen oder Religion, die auch eine Möglichkeit von Tagträumen sind. 

AoA: Es gibt Leute, die sagen die Kunst ersetze die Religion? 

Ludger Brümmer: Umgekehrt gesagt, bedient sich die Religion an der Kunst, um diese virtuellen Räume für sich zu vereinnahmen.

AoA: Wäre es denkbar, dass Sie eine neue physikalische Gesetzmäßigkeit entdecken? Bezüglich Erkenntnis und dem Blick in die Zukunft?

Ludger Brümmer: Ich würde es anders ausdrücken. Künstler sind immer im Hier und Jetzt behaftet. Die Rezeption liegt in der Vergangenheit. Das heißt die Kunst, die wir verstehen, ist auch immer eine Kunst von gestern und einer vorherigen Zeit. Künstler leben auch in der jetzigen Welt und dass sie 50 Jahre weiter leben sollten, macht keinen Sinn. Das Einzige ist, dass sie sich etwas weiter vortasten. In der Musik haben wir den Indikator der Tonalität. Wir Musiker sind da hart getroffen, denn das Auge ist viel williger zu abstrahieren und leichter modellierbar. Die Auswertung optischer Reize ist viel kognitiver als die Wahrnehmung akustischer Reize. Das Tolle daran ist jedoch, dass das die akustischen Reize viel stärker und leichter emotionalisierbar sind, während die intellektuelle Weiterentwicklung im Nachteil viel träger ist.

AoA: Was kann die Wirtschaft von der Kunst lernen? 

Ludger Brümmer: Ich finde das Entscheidende ist die Identifikation mit dem, was man tut. Das ist etwas, das Künstlern ziemlich eigen ist. Auch wenn sie ambivalent zu ihrem eigenen Werk stehen und ihre Haltung mal ändern können, identifizieren sie sich mit ihrem Schaffen und mit dem, was aus ihnen heraus geboren worden ist. In der Wirtschaft ist dieses Verhältnis häufig ganz anders. Dort identifizieren sie sich vielleicht mit ihrer Arbeit, aber trotzdem haben sie nie das Gefühl, dass es ihres sei, was sie da geschaffen haben. Auch wenn der Künstler nur einen Teilbeitrag geleistet hat, weil ein Komponist es schreibt und der Musiker es spielt, ist er sich dessen bewusst, was er getan hat. Das fehlt in der Wirtschaft, weil es zur Folge hätte, dass sich jemand etwas nehmen und sagen könnte es wäre seines. Dadurch gibt es Kämpfe. Wenn man jedoch jemandem etwas nimmt, der sowieso nicht das Gefühl hat, dass es seines ist, dann passiert auch nichts. Das ist das, was jeder Chef macht: Er nimmt möglichst viel für sich selbst und schaut wie die anderen damit klarkommen. 

AoA: Im Umkehrschluss heißt das zu versuchen zwischen dem Werk und der Person den Einklang wiederherzustellen?

Ludger Brümmer: Ja, meiner Meinung nach ist die Autorenschaft in der Kunstwelt etwas ganz Essentielles, worum immer gerungen wird. Im Zusammenhang mit einem Bild wird immer der Name des Malers genannt. Ich halte es für sehr wichtig das Urheberrecht aufrechtzuerhalten.

Info

Ein Beitrag von Benjamin Stromberg.
Das Interview wurde am 25.02.2015 von Dirk Dobiéy durchgeführt.
Bildquelle: Ludger Brümmer.

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