Interview
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Benjamin Stromberg

Ich sehe es als meinen Job etwas Neues herzustellen

Interview mit der Malerin Hye Young Kim

Seitdem sie noch ein Kind war, möchte Hye Young Kim Künstlerin sein und stellt mit ihrer Leidenschaft fürs Malen eine Ausnahme in ihrer Familie dar. Trotzdem, oder gerade deshalb, erfuhr sie die Unterstützung ihrer Eltern: „Dieser Zuspruch war mir als Kind sehr wichtig und ist es auch heute noch.“ 

Aber nicht nur das Lob, sondern auch rationale Kritik beeinflussen sie in ihrer Arbeit: „Natürlich muss man den Unterschied zwischen Kritik und schlichter Ablehnung kennen. Echte Kritik ist für mich relevant und wenn man meine Kunst und mich kennt, dann kann man Kritik üben. Ich nehme Kritik sehr ernst und bin auch traurig, wenn sie negativ ausfällt.“ 

Außerdem setzt sie sich selbst bestimmte Ziele bezüglich dessen, was sie mit ihrer Kunst erreichen möchte: „Ich möchte, dass diese Ambiguität, dieser Widerspruch stattfindet. Es muss nicht diesen fantastischen, atemberaubenden Effekt haben. Wenn etwas zu schön ist, geht man auf dem Drahtseil, weil man es vielleicht am nächsten Tag schon nicht mehr sehen kann. Doch wenn etwas komisch ist, bekommt man nicht genug davon und fängt an sich damit auseinanderzusetzen.“

 Helsinki – Hye Young Kim

Obwohl sie gewisse Vorstellungen und Ziele durchaus vor Augen hat, ist der Weg dorthin nicht eindeutig beschildert. Im Gegenteil, bereits von Anfang an lässt ihrer Intuition einen großen Raum. „Die Inspirationen passieren normalerweise im Alltag. Früher war ich häufig in Flughäfen, weil ich viel innerhalb Europas gereist bin. Dort habe ich viele Fotos gemacht und ganz normale Dinge fotografiert. Wenn mir die Farben und Motive auf den Fotografien gefallen haben, habe ich angefangen diese zu malen.“ 

Auch der Zufall spielt eine entscheidende Rolle: „Ich fange unbewusst an und muss mir am Ende sehr bewusst werden. Am Anfang müssen die Farben selber spielen, doch am Ende muss ich es kontrollieren. Was auf dem Weg vom Unkontrollierten zum Kontrollierten passiert, weiß ich nie genau, aber ich genieße es. Es gibt am Anfang viele Baustellen und am Ende sind sie alle aufgeräumt. Das Aufräumen findet zwangsläufig statt, weil ich am Anfang das Chaos zugelassen habe.“ 

Das Chaos findet seine Form letztlich in den unterschiedlichsten Varianten, sodass sich stets etwas Neues entwickeln kann. „Ich muss immer neue Sachen malen und darf mich nicht langweilen, es geht also immer im die Suche nach dem Neuen. Ich sehe es als meinen Job etwas Neues herzustellen“, bringt sie die Intention ihres Schaffens auf den Punkt.

Das komplette Interview mit Hye Young Kim online lesen

AoA: Wie bist du zur Kunst gekommen? 

Hye Young Kim: Ich wollte immer schon Künstlerin werden. Nie hatte ich einen anderen Traum und wollte immer nur malen. Mit fünf Jahren habe ich angefangen und nie wieder aufgehört. In meiner Familie gab es keine Künstler, aber meine Schwester ist Klavierspielerin und wir beide wollten immer Kunst machen. In Korea braucht man allerdings sehr viel Unterstützung durch die Eltern. Dort kommt es auf das Geld an, denn anders ist Lernen nicht möglich. Das ist ein großer Unterschied zu Deutschland. 

AoA: Gab es etwas, das deine Entwicklung begünstigt hat? 

Hye Young Kim: Wenn ich gemalt habe, bekam ich immer sehr viel Lob von Lehrern, Freunden und meiner Familie. Dieser Zuspruch war mir als Kind sehr wichtig und natürlich ist es heute auch noch so, dass ich Kritik brauche. Natürlich muss man den Unterschied zwischen Kritik und schlichter Ablehnung kennen. Echte Kritik ist für mich relevant, und wenn man meine Kunst und mich gut kennt, dann kann ich die Kritik ernstnehmen. 

Künstler brauchen ein oder zwei gute Kritiker, die scharfe Augen haben, und ernsthafte Kritik üben. 

AoA: Wie ist der Prozess deiner Arbeit? 

Hye Young Kim: Die Inspirationen passieren normalerweise im Alltag. Früher habe ich mehr Porträts und Leute gemalt, seit dem Aufenthalt in Berlin war ich häufig in Flughäfen, weil ich viel innerhalb Europas gereist bin. Dort habe ich viele Fotos gemacht und ganz normale Dinge fotografiert. Aber in den Fotos der Flugbahnen habe ich mich für den Flächeninhalt und die Höhe interessiert, also den Raum, den ich in meine Leinwand hineinsetze. 

Doch hatten die Farben und Linien auf der Landebahn auch eine große Rolle gespielt, so dass ich angefangen habe, diese zu malen. Am Anfang habe ich  türkise Farbe benutzt und mehre Flughafenbilder gemalt. Beim Malen oder vom Malen bekomme ich wieder neue Ideen. 

AoA: Auf Basis der Fotos malst du los und anschließend beginnt noch ein Dialog? 

Hye Young Kim: Ein Bild kann ich mit den Fotos malen, aber danach muss ich mein eigenes Bild herausfinden. Ich stelle mir dann die Frage, warum ich gerade das male. Dann finde ich Strukturen, Linien und Formen und dadurch entwickeln sich auch die Strukturen in meinen Bildern.  Deshalb mache ich auch Collagen. Die Leinwände teile ich, sodass aus einer Collage einzelne Bilder entstehen, die aber auch als Ganzes funktionieren. Bei diesem Prozess wird das Bild dann abstrakter.

AoA: Ist das Flughafenthema eine Art Werksstrang? 

Hye Young Kim: Ganz genau.

AoA: Was passiert bei dem Dialog mit dem Bild, das du ursprünglich auf Basis eines Fotos gemalt hast? 

Hye Young Kim: Ich male auf die Leinwand mit der Erinnerung, die ich an den Moment habe, als ich das Foto gemacht habe. So kann ich ein, zwei Bilder mithilfe dieser Erinnerung malen, aber danach verliere ich dieses Gefühl, das ich im Flughafen hatte. In Helsinki hatte ich einen besonders schweren Koffer und trotzdem fand ich den Ort sehr schön. Die Mischung aus Beschwerlichkeit und Schönheit löst eine starke Emotion in mir aus. 

AoA: Beschreibe mal deine Aufgabe? 

Hye Young Kim: Ich muss immer neue Sachen malen und darf mich nicht langweilen: also immer die Suche nach dem Neuen. Und ich möchte etwas von Dauer schaffen. Ich sehe es als meinen Job etwas Neues, aber noch wichtiger, etwas Dauerhaftes herzustellen. 

AoA: Wie ist deine Haltung? 

Hye Young Kim: Eine schwierige Frage. Ich will mich da nicht festlegen. 

AoA: Bist du ewig auf der Suche? 

Hye Young Kim: Ja, ich bin stets auf der Suche nach neuen Themen und neuen Stilen, die ich interessant finde, um so immer die Spannung für mich hoch zu halten. 

AoA: Wann bist du zufrieden? 

Hye Young Kim: Wenn ich Bilder zu sehen bekomme, die ich so gar nicht erwartet habe. Wenn also etwas ganz anderes dabei herauskommt, als ich es mir überlegt habe. Ich denke jede Minute daran, wie ich was machen kann und dann kommt plötzlich eine Idee. Wenn ich eine konkrete Idee habe, konzentriere ich mich sehr dabei und gehe auch nicht zu viel nach draußen, um nicht abgelenkt zu werden 

AoA: Hilft es bei der Ideen- oder Lösungssuche auch mal das Bild ruhen zu lassen? Wann ist ein Bild fertig? 

Hye Young Kim: Ja, das kann helfen. Aber ich weiß, wenn es fertig ist. Dann gibt es keine Baustelle mehr. Klar gibt es auch Bilder, die mir nicht gefallen. Dann lasse ich sie stehen und male irgendwann etwas ganz Neues darüber. Ich bin ein bisschen ungeduldig und kann Bilder gar nicht so lange stehen lassen. Ich will das Problem schnell lösen und denke, ich muss noch lernen geduldiger zu werden.

AoA: Ist der Zufall ein wichtiger Bestandteil deiner Arbeit? 

Hye Young Kim: Ja, denn ich fange mit dem Zufall an zu malen. Ich fange unbewusst an und muss mir am Ende sehr bewusst werden. Am Anfang müssen die Farben selber spielen, doch am Ende muss ich es kontrollieren können. Was auf dem Weg vom Unkontrollierten zum Kontrollierten passiert, weiß ich nie genau, aber ich genieße es. Es gibt am Anfang viele Baustellen und am Ende sind sie alle aufgeräumt. Das Aufräumen findet zwangsläufig statt, weil ich am Anfang das Chaos zugelassen habe. Aber das genieße ich.

AoA: Kennst du Krisen? 

Hye Young Kim: Ja natürlich, in jedem Moment. Ich trainiere dann diese zu überwinden, indem ich immer wieder versuche etwas zu malen. Zum Beispiel kann ich schlecht gerade Linien malen und übe es dann. Oder ich frage Freunde wie ich etwas malen kann und es hilft mir dann auch den Rat anzunehmen. Ich habe mich hingesetzt und wieder und wieder Linien gemalt, bis es besser wurde. Aber es ist immer noch nicht gerade. 

AoA: Wenn du ausstellst, welche Bedeutung hat diese Präsentation für dich? 

Hye Young Kim: Die Ausstellung ist sehr wichtig für mich, um auch zukünftige Arbeiten zu verbessern. Es sieht ganz anders aus, wenn ein Bild zu Hause oder im Atelier hängt und wie es in einer Ausstellung wirkt. Die Gelegenheit das zu sehen, ist eine Gelegenheit die Perspektive auf das Bild zu ändern. 

AoA: Arbeitest du in irgendeiner Form mit anderen Menschen zusammen? 

Hye Young Kim: Mit meinem Professor habe ich früher ab und zu zusammengearbeitet, aber grundsätzlich arbeite ich allein. Ich lese Bücher über andere Künstler und Architekten, und auf diese Weise erfahre ich einen gewissen Einfluss. 

AoA: Was können Menschen aus der Wirtschaft von Künstlern lernen? 

Hye Young Kim: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht und kann deshalb keine dezidierte Antwort geben. Einmal habe ich früh am Morgen Radio gehört und musste dabei daran denken, wie früh der Moderator aufstehen muss. Künstler haben nicht diesen festen Rhythmus und diese Disziplin. Auch für mich ist das schwierig.

AoA: Was wünschst du dir, was Menschen bei deiner Kunst empfinden? 

Hye Young Kim: Dass sie es komisch, aber trotzdem interessant finden und diese Ambiguität, dieser Widerspruch stattfindet. Es muss nicht diesen fantastischen, atemberaubenden Effekt haben. Wenn etwas zu schön ist, geht man auf dem Drahtseil, weil man es vielleicht am nächsten Tag schon nicht mehr sehen kann. Doch wenn etwas komisch ist, bekommt man nicht genug davon und fängt an sich damit auseinanderzusetzen. 

AoA: Was muss man für Fähigkeiten haben, um so arbeiten zu können wie du? Das Chaos zuzulassen und später konzentriert zu arbeiten. 

Hye Young Kim: Sich selbst vertrauen. Fleißig sein und dem Dialog zuhören, der mit dem Bild entsteht. Ich bin aufgeschlossen für den Zufall und nehme ihn an, auch ein gewisser Humor gehört dazu. Ich lasse Bilder offen und traue mich das, weil ich weiß, dass ich es immer wieder sortieren und aufräumen kann. Auf der anderen Seite bin ich am Anfang eines Bildes sehr schüchtern, weil ich nicht weiß was daraus werden wird. Ich möchte auch keine genaue Vorstellung im Kopf haben oder Ziele festlegen wenn ich anfange, sondern das Bild offen lassen. Erst dadurch wird es interessant. 

AoA: Auf der einen Seite hast du eine Idee und weißt wo es hingehen soll und gleichzeitig sagst du aber, dass du kein Ziel hast? 

Hye Young Kim: Es ist eben immer unterschiedlich. In der Wirtschaft geht es darum, dass alles planbar ist. Aber es gibt eben viel Risiko und Risiko kann auch ein interessanter Moment sein. Meine Entwürfe müssen nicht nach einem Plan realisiert werden. Jeder Schritt während des Prozesses könnte ein Ziel sein. Auf diese Weise kann man den Prozess auch mehr genießen und frei sein.

AoA: Nimmst du in den künstlerischen Ansätzen große Unterschiede zwischen Deutschland und Korea wahr? 

Hye Young Kim: Ich mag es eigentlich nicht gern, den Unterschied zwischen Korea und Deutschland zu schildern, weil grundsätzlich jeder Mensch anders ist. In Deutschland habe ich viel mehr Zeit für mich selbst als in Korea. In Korea hatte ich keine Zeit meine Gedanken zu formulieren und zu experimentieren. Ich bin ein Mensch, der seine Zeit und Freiheit braucht und deshalb bin ich nach Deutschland gekommen. Wenn ich male, stelle ich mir auch die Frage, ob ich glücklich bin. Und ja das bin ich und ich will weitermachen. 

Info

Ein Beitrag von Benjamin Stromberg.
Das Interview wurde am 23.04.2015 von Dirk Dobiéy durchgeführt.
Bildquelle: Hye Young Kim.

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