Interview
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Julia Kierdorf & Thomas Castéran

Ich mag das Ungewisse, ich mag es überrascht zu werden

Interview mit der Bildhauerin Vanessa Notley

„Man benötigt Zeit im Leben, das anzuzweifeln was man tut“. Eine Sache, die Vanessa Notley nie angezweifelt hat, ist, dass sie bereits in jungen Jahren wusste, dass sie einmal Künstlerin werden möchte. Bei allen anderen Dingen versucht die schottische Malerin und Bildhauerin, die in Sètes (Südfrankreich) lebt, sich immer wieder neu herauszufordern und die Dinge in Frage zu stellen, die sie gerade tut.

Alles begann damit, dass sie als Teenager die Entscheidung treffen musste entweder eine Universität oder eine Kunsthochschule zu besuchen. Sie entschied sich für die Universität, da sie damals annahm, dass diese anspruchsvoller sein würde als die Kunsthochschule. Erst später, als sie dann tatsächlich Künstlerin wurde, realisierte sie, dass Künstlerin zu werden “noch schwieriger sei aber dabei auch viel erfüllender. Studentin zu sein und zur Universität zu gehen, das kann man alles lernen, aber es ist nichts womit man sich konfrontieren kann. Dahingegen bedeutet Künstlerin zu sein, dass man immer wieder nach neuen Herausforderungen suchen muss.“

Vanessa Notley – Indiscret

Für Vanessa Notley ist die kontinuierliche Suche nach Antworten und die damit verbundene Unsicherheit eine wichtige Motivationsgrundlage: „Jeder langweilt sich mal, und das Einzige was mich nicht langweilt ist eben das! […] Irgendwie mag ich dieses unwohle Gefühl ‘Wie kann ich dies machen?’ Wenn ich das nicht hätte, wenn ich nur ein Lehrer wäre, dann glaube ich würde mir die Schwierigkeit fehlen und ich mag diese Herausforderung. Ich mag das Ungewisse, ich mag es überrascht zu werden.“

Ungewissheit auf der einen Seite, Kontinuität auf der anderen – für Vanessa Notley stellt dieses Begriffspaar keinen Widerspruch dar. Sie erzählt uns beispielsweise, dass ihr Arbeits- und Denkprozess über die Jahre gleich geblieben ist. Sie beginnt immer mit Zeichnungen, Skizzen und dem Zuschneiden von Elementen, die dann später aufeinandertreffen und ihre Vision repräsentierten. Und dennoch gibt es „immer wieder neue Entdeckungen zu machen“, die sich aus der Wiederholung ihrer Arbeit und Prozesse ergibt. „Ich muss eine Menge Zeit dafür aufwenden nahezu die gleiche Bewegung durchzuführen. Indem ich dies tue lerne ich jedes Mal so viele neue Sachen. Hierdurch werden auch unterschiedliche Dinge immer deutlicher, wie zum Beispiel wie sich der Gegenstand anfühlt, welche Eigenschaften das Material mit sich bringt, dessen visuelle Qualitäten sowie die Geräusche des Materials. Die Zeit, die ich damit verbringe genau dies zu tun, erweckt ebenfalls einen Grund dafür weshalb es existiert.“

Vanessa Notley – Chateau Bosc

Ihrer Meinung nach liegt der größte Unterschied zwischen der Kunst und der Arbeitswelt darin, dass es im normalen Berufsalltag immer die Verpflichtung gibt, dass “am Ende des Tages ein Ergebnis vorliegen muss“. Das ist in der Kunst zwar nicht unähnlich und doch sieht der Weg dorthin häufig anders aus, denn „Kunst stellt zum Schluss ein konkretes Ergebnis dar, aber eine ganze Zeit lang gibt es rein gar nichts“.

Dies ist genau der Punkt an dem Vanessa Notley die hohe Bedeutung von Zweifel und Unsicherheit während ihres Arbeitsprozesses betont: „Ich glaube Zweifel sind sehr wichtig. Man benötigt Zeit im Leben, anzuzweifeln was man tut. Dieses kleine bisschen Unsicherheit. Eine bestimmte Zeit lang macht man überhaupt nichts, weder etwas Körperliches noch etwas Materielles. Dinge müssen erst einmal ausgearbeitet werden, jedoch zunächst ohne ein konkretes Ergebnis.”

Solche Phasen sind essentiell für Vanessa Notley und fest in ihrem Arbeitsprozess verankert. Sie führen sie schlussendlich und damit sicher zu ihren Werken. Ein Vorgang der sich nicht ohne weiteres in Unternehmen denken und umsetzen lässt, da diese Zeit und Ressourcen aufwenden müssten, ohne das konkrete Ergebnis vorab zu kennen. Aber genau darum geht es wenn man von Innovation spricht: Zeit im Ungewissen zu verbringen um über neue Ideen nachzudenken und diese entwickeln zu können. „Diese Idee ist einfach unglaublich, dass es ein Arbeitsumfeld geben könnte, wo Leute einfach sagen könnten „mal schauen was passiert”.

Das komplette Interview mit Vanessa Notley in englischer Sprache

Info

Ein Beitrag von Julia Kierdorf & Thomas Castéran.
Das Interview wurde am 01.02.2016 von Julia Kierdorf und Thomas Castéran durchgeführt.
Bildquelle: Vanessa Notley.

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